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Ohne Bedenken

Ich versuche nicht darüber nachzudenken, wie ich mich gefühlt habe. Ich will mich nicht daran erinnern, wonach die Luft gerochen hat, wie der Wind sanft mein Haar gestreift hat, will nicht wissen, wie die Umgebung ausgesehen hat. Es ist nicht so, dass ich den Tag völlig vergessen möchte, dass ich den Augenblick aus meinem Gedächtnis verbannen will.
Ich möchte mich eben nur an die allerwichtigsten Sekunden dieses trostlosen, fahlen Nachmittages erinnern. Wenn mir Gefühle und Gerüche und Gedanken die Sicht verschleiern, so will ich sie mir nicht einprägen. Ich möchte nur klar verstehen, will es erfassen, was an jenem Tag passiert ist.
Und ich weiß, ich werde es doch nicht begreifen können.

Möwenkreischen. Ich höre es zu deutlich in meinen Erinnerungen, als dass ich es vergessen hätte können. Grell und drohend. Eine Warnung aussprechend.
Das Meer. Ja, ich war am Meer. Das war etwas Besonderes für mich, ich wohne nicht am Meer, ich kenne es nur von den Reisen. Kurze, naive Besuche. Viel zu kurz. Dachte ich zumindest.
Es hat bestimmt nach Salz geduftet. Ich weiß es nicht mehr, aber ich bin mir ganz sicher. Dieser Geruch, jedes Jahr versuche ich ihn mitheimzutragen und aufzubewahren, obwohl ich ihn schon bei der Rückfahrt verschwinden spüre. Ich kann es ganz genau fühlen, und trotzdem halte ich an ihm fest, bis ich zu Hhause bin, und ich mir eingestehen muss, dass er fortgegangen ist.
Ein bitteres Lachen entfährt mir. Fortgegangen. Verschwunden. Zurückgelassen. Bittere Wörter, unmöglich, sie auf der Zunge zu tragen, ich will sie ausspucken, zerkauen, hinunterschlucken. Sie sind schwer und scharf, sie kratzen und wollen nicht meine Kehle hinunter.
Er ist fortgegangen. Er ist verschwunden. Er hat mich zurückgelassen.

Ich stehe an einer Reling. Ein Schiff, weiß und glatt, das Deck hebt und senkt sich, es schaukelt mich auf und ab, schaukelt meine Gefühle auf und ab. Das Wiegen des Schiffs beeinträchtigt mich nicht, seekrank war ich nie, ich genieße die Sonnenstrahlen auf meiner Haut, die salzigen Wassertropfen auf meiner Nase.
Ich lächle. Warum lächle ich? Vielleicht war ich naiv, vielleicht konnte ich die Wahrheit nicht sehen, wollte sie nicht sehen. Meine Augen verstecken sich hinter einer dunklen Sonnenbrille, ich bin froh, sie nicht zeigen zu müssen. Wer weiß, was man dann alles in meinem Gesicht lesen könnte. Die Geheimnisse, das Verborgene. Die Trauer.
Er steht neben mir, berührt meine Schulter, dreht mich zu sich. Seine Miene ist ernst, sein Haar wirbelt im Seewind wild umher. Ihm scheint das Wiegen auch nichts auszumachen. Er mag das Meer, er liebt es. Ich liebe es auch, genauso wie er. Genauso wie ihn.
Er kennt mich besser als jeder andere, obwohl er mich erst so kurz kennt. Er hat mich durchschaut, er weiß genau, wer ich bin, was ich brauche und wovor ich Angst habe. Er weiß es ganz genau.
Und trotzdem tut er das, wovor ich mich am meisten fürchte. Seine Lippen bewegen sich langsam, er ist ruhig, er spricht bedacht und ohne Bedenken. Er hat nie Bedenken. Er weiß genau, was er will und wohin er gehen wird. Er hat keine Zeit für Unterbrechungen.
„Du weißt, dass der Sommer vorbei ist. Du wusstest von Anfang an, dass er irgendwann enden musste.“
Ja, natürlich weiß ich es. Natürlich.
Ich bin einen langen Mantel gewickelt. Ein Sommer an der Küste ist nicht das, was man sich normalerweise vorstellt, hier ist es das ganze Jahr über kalt. Die Sonne scheint oft, aber kalt ist es trotzdem. Ich habe den Sommer mit seiner Wärme lieber als den Winter, aber hier ist es mir egal. Hier lebe ich ein ganz anderes Leben. Eines, das sich jedes Jahr zu Herbstbeginn dem Ende zuneigt. Ich fühle mich, als würde es sich gerade für immer dem Ende zuneigen.
„Ich habe Pläne.“
Natürlich hast du die. Du hast nichts anderes außer Pläne. Du gibst vor, unabhängig zu sein, spontan und frei, doch in Wirklichkeit bist du es nicht. Du bist in einer fremden Welt gefangen. Du bist nicht frei. Du wirst es niemals sein.
„Ich kann meine Zukunft nicht einfach so wegwerfen. Die Monate mit dir waren wunderschön, unsere Zeit, sie ist unwiederbringbar, sie war einzigartig.“
Und trotzdem bist du gerade dabei, sie wegzuwerfen. Und trotzdem gehst du.
Er wartet auf eine Antwort, will, dass ich ihn zurückhalte oder zu weinen beginne, er braucht die Emotionen anderer, das Gefühl, gebraucht zu werden. Begehrt zu werden.
Doch ich schweige. Ich sage kein Wort, ich beginne nur, meine Handschuhe auszuziehen, meine Jacke auszuziehen. Er sieht mir stumm zu, verwirrt, einmal weiß er nicht, was passieren wird, und das zerfrisst ihn innerlich, das sehe ich ihm an.
Ich werfe den Mantel zu Boden und greife an mein rechtes Handgelenk, schiebe den Ärmel hoch und lasse den silbernen Armreif im Sonnenlicht schimmern. Er lächelt leise. Mein Geschenk, denkt er und will mich berühren, aber ich gehe einen Schritt zurück und nehme meine Brille herunter. Er wirkt erschrocken. Er hätte das nicht erwartet. Nicht von mir.
Mein Blick hat sich geändert. In meinem Gesicht ist es nicht mehr Trauer, die sich offenbart, es ist nicht Wut oder Wahnsinn oder Elend. Es ist Gleichgültigkeit. Ich lächele nicht oder weine oder wirke gehässig, es ist reine Gleichgültigkeit.
Er kann die Augen nicht von mir wenden, von meinem starren Blick, und doch merkt er ganz genau, wie ich das Armband herunternehme, vorsichtig, als wäre es mein größter Schatz, und wie ich es über der Reling halte. Es schaukelt im Wind, genau wie das Boot. Ich hatte mich geirrt. Scheinbar macht ihm das Wiegen doch etwas aus, wie er mich mit seinem schaukelnden Armband in der Hand so sieht, scheint ihm schlecht zu werden. Speiübel. Er weiß nicht weiter, weiß nicht, was er sagen oder tun soll. Wir stehen stumm da, wie zwei Statuen, und sehen uns an.
Das Schiff ist in den Hafen eingelaufen. Es fährt langsam auf den Steg zu, zwei Männer befestigen es am Ufer mit dicken Tauen und versorgen die seekranken Passagiere, die sich von Deck aufs Festland drängen.
Das Schaukeln hat längst aufgehört, wir stehen immer noch da.
Er hebt die Hand, will etwas sagen, irgendetwas.
Und dann lasse ich das Armband fallen.
Mit einem leisen Geräusch gleitet es ins Wasser und versinkt, tiefer und tiefer, bis es irgendwann verloren am Grund liegen wird. Sein Blick folgt ihm, selbst als er es nicht mehr sehen kann, starrt er entsetzt auf den hellblau schillernden Meeresspiegel.
Ich nehme meinen Mantel, schlüpfe immer noch wortlos hinein. Als ich mir die Sonnenbrille aufsetze, sieht er mich an. Bestürzt, fassungslos. Verloren.
Und diesmal bin ich derjenige, der ihn durchschaut. Der ihn besser als jeder AAndere zuvor kennt. Der weiß, wovor er am meisten Angst hat.
„Du kontrollierst alles. Du kontrollierst deine Familie, du kontrollierst dein Leben, du kontrollierst sogar dich selbst. Aber es gibt eine Person, die du niemals kontrollieren wirst – und das bin ich.“
Ich spucke das letzte Wort förmlich aus, es ist scharf, doch es ist nicht schwer und es bin nicht ich, die davon verletzt wird. Ich habe keine Bedenken. Ich bin nicht gefangen. Ich bin frei.

Ich lächle, doch nicht bitter. Ich weiß jetzt, was ich will, aber ich werde nicht verzweifeln, wenn es anders kommen sollte.
Anders. Alles ist anders.
Ich bin fortgegangen. Ich bin verschwunden. Ich habe ihn zurückgelassen.

Und ich breite die Arme aus und fliege und lache aus tiefstem Herzen.

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